Geschichte begegnen heißt Zukunft gestalten – eine Fahrt nach Auschwitz

Geschichte begegnen heißt Zukunft gestalten – eine Fahrt nach Auschwitz

Auschwitz/Jena Winzerla. Unter diesem Motto besuchten zwölf junge Menschen der 9. Klassen der Gemeinschaftsschule „Galileo“ vom 18. bis 23. November 2013 das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Eine junge Generation, die kaum einen eigenen Bezug zu dieser Zeit besitzt, selbst deren Großeltern nur noch davon gehört haben, hat die Chance sich frei von Gedanken der Schuld und Sühne diesem düsteren Teil europäischer Geschichte zu widmen. Doch geschieht das auch?

Politische Sozialisation aktiv zu gestalten ist Ziel dieses Gemeinschaftsprojekts zwischen dem Freizeitladen Winzerla und der Schule. Die wichtigste Komponente einer modernen Auseinandersetzung mit dem Thema ist es, Zeit zu haben. Zeit, um sich intensiv mit dem Leiden, Leben und dem Tod der Opfer des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Zeit, um nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Herzen zu sehen. Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Zeit, um sich mit eigenen Fragen auseinanderzusetzen. Fragen nach dem „Wieso“ und „Warum“, „Was hat Auschwitz mit mir und meinem Alltag zu tun“? „Wo werde ich zum Täter oder Opfer?“ und „Wo entscheide ich mich für oder gegen Zivilcourage?”

Ziel des Projektes ist es, neben der Vermittlung von Geschichte, für rechte Gedanken, Stereotypen und Phrasen im eigenen Alltag zu sensibilisieren.

Zum Projekt gehörten:

Eine Führung durch das Auschwitz-Stammlager: Hier konnten sich die Jugendlichen ein Bild des Lagers machen. Zur Ausstellung gehörten: Originaldokumente wie Fahrscheine und Strafbefehle, bei der Befreiung zurückgelassene Besitztümer der Opfer, zahlreiche Bilddokumente, die erste Gaskammer sowie die Krematorien. Außerdem die Erschießungswand und die Todeszellen. Am meisten hat die Jugendlichen die vielen Tonnen abgeschnittenen Menschenhaars bewegt. Der Gedanke des fabrikmäßigen Tötens in Auschwitz wurde hier besonders deutlich.
Die Länderausstellungen, die ebenso in den Steinbaracken des Stammlagers untergebracht sind, bieten Raum, um sich mit der Zeit des Nationalsozialismus länderspezifisch auseinander zu setzen. Die Jugendlichen beschäftigten sich in Kleingruppen mit Sinti und Roma, der polnischen und der israelichen Ausstellung, um den anderen danach die Ausstellung zu präsentieren.
Ein wichtiges Element ist auch – obwohl es wenig spektakulär klingt – eine Stadtführung durch Oswiecim (Auschwitz), die einen Bezug zu der polnischen Kleinstadt schafft. Sie wird trotz ihrer Jahrhunderte alten jüdischen Geschichte oft vergessen. Hier besichtigten wir das jüdische Zentrum mit der Synagoge, die jüdische Gasse sowie den jüdischen Friedhof. Somit erhielten wir Einblicke in das religiöse und weltliche Leben der jüdischen Gemeinde in Oswiecim.

Bei der Besichtigung von Auschwitz-Birkenau, dem zweiten Teillager, war es die riesige Weite des Arials, das uns die Dimension von Auschwitz verdeutlichte. Wir besichtigten die Gleisanlagen und die Rampe, auf der die Ankommenden selektiert wurden. Ebenso sahen wir die Sanitär- und Schlafbaracken, die Frauen- und Kinderbaracken, die Überreste der Asservatenkammern des Lagers, die Ruinen der Gaskammern und Krematorien, sowie die Ascheteiche. Anders als im Stammlager, in dem mit vielen Bildern und Ausstellungsstücken eine Flut von Informationen erzeugt wird, wirkt Birkenau durch seine Weite eher ruhig. Hierdurch kann der Ort mit seinen steinernen Zeugnissen, den Holzbaracken, den Gleisen, dem Stacheldrahtzaun und den Wachtürmen als solcher wahrgenommen werden. Hier fügen sich die Bilder des Stammlagers der deportierten, gequälten und ermordeten Menschen ein, in den Ort des Verbrechens. Vorher haben wir von den Deportationen nur gehört und wie mit einer Bewegung des Daumens nach rechts oder links zwischen Leben und Tod entschieden wurde. Wenn man nun auf der sogenannten „Judenrampe“ steht und vor sich die Gleise, einen Waggon und dahinter die Gaskammern sieht, so sind diese inneren Bilder plötzlich da.

Das Projekt ist seit Jahren fester Bestandteil der Arbeit der Galileo-Schule und des Freizeitladens. Dennoch bleibt die Finanzierung eine Herausforderung. Die Eigenanteile der Jugendlichen von je 75 Euro decken nur etwa ein Viertel der Realkosten. Gefördert wurde die Fahrt durch den Lokalen Aktionsplan Jena, den Ortteilsrat Winzerla, durch Spenden der Fraktion „Die Linke“ und den Verein „Aktion 54“. Wir danken allen, die diese Fahrt möglich gemacht haben!

Autor: Michael Dietzel (Freizeitladen)

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