Ampel oder Tunnel – diskutiert von Günter Platzdasch

Ampel oder Tunnel – diskutiert von Günter Platzdasch

Jena Winzerla. „Für die Großstädte der Zukunft dürften folgende Prinzipien gelten: An den wichtigsten Kreuzungen sind die Fußgängerübergänge entweder durch Tunnels oder durch Brücken vom Fahrzeugverkehr getrennt. Straßenbahnen, Fuhrwerke (und möglichst auch die Radfahrer!) sind aus der Innenstadt verbannt.“ So sah die Zukunftsvision von Karl Böhm und Rolf Dörge anno 1959 im Jugendweihebuch “unsere welt von morgen” für die Verkehrsteilnehmer aus. In Westdeutschland erschien zeitgleich Hans Bernhard Reichows programmatisches Buch „Die autogerechte Stadt“. Inzwischen wissen wir, daß auch im Verkehr Apartheidspolitik keine Zukunft hat: (Bewegungs-)Freiheit nur für Autofahrer, Fußgänger hinter Gitter (von der Fahrbahn weggesperrt). Eine Trennung der Verkehre hat die Zahl der Verkehrsunfälle nicht reduziert, sondern erhöht. „Straßen für Alle“, unter dem Titel analysierte und konzipierte Professor Heiner Monheim zusammen mit Rita Monheim-Dandorfer 1991 den Stadtverkehr der Zukunft.

Ampel oder Tunnel – die Querung der Rudolstädter Straße unterhalb des Rewe-Markts ist umstritten. Das Entrée Winzerlas rund um die Haltestelle Damaschkeweg soll neugestaltet werden; mit Verbesserungen auch für Fußgänger und Radfahrer. Bei den Planungen zeigte sich, dass zeitweise über die Hälfte der Fußgänger die Straße ebenerdig quert, während fast alle Radfahrer den Tunnel nutzen. Daher soll eine „Lichtsignalanlage“ eingerichtet werden. Denn warum müssen Fußgänger vor Autos unter die Erde flüchten, auf freie Sicht verzichten und Umwege nebst Steigungen in Kauf nehmen? Stattdessen sollten wir den Stadtteil harmonisch Richtung Ringwiese/Burgau öffnen, die Kanalwirkung der Straße, den Zerschneidungseffekt zwischen Zusammengehörendem mildern.
Es gibt ein anthropologisch verankertes, nicht einfach erziehbares und mithin bei Planungen in Rechnung zu stellendes, spezifisches Zeit- und Entfernungsempfinden nicht nur bei Autofahrern, sondern auch bei Fußgängern. An Nahverkehrs-Haltestellen hat 1973 Klaus Walther dies erforscht und gezeigt, wie es zur Abweichungen zwischen realen und geschätzten Distanzen kommt. Im Artikel „Bundesweiter Trend zu ebenerdigen Querungen“ heißt es: „Eine drei Meter unter Straßenniveau verlaufende Unterführung wirkt auf Fußgänger wie 45m Umweg, heißt es beispielsweise in Veröffentlichungen des Verkehrsforschers Prof. Knoflacher von der Universität Wien, der die Trennwirkung von Unter- und Überführungen in Städten untersucht hat.“
Daher widerspreche ich der Beschimpfung jener Fußgänger als „Ignoranten“ (letzte Stadtteilzeitung), die die Straße oberirdisch, übrigens völlig (verkehrs-)rechtmäßig, überqueren. Verräterisch das Formel-1-Denken des Ampelgegners in der (übrigens fehlerhaften) Darstellung geplanter Schaltintervalle: „37 Sekunden Wartezeit gelten aber nur für die Pole-Position. Bereits einige Fahrzeuge weiter hinten in der Startaufstellung verdoppelt sich das.“
Dass bei Neuerungen im Verkehr Status-quo-Verliebte aufschreien und protestieren, ist nicht neu und erscheint im Nachhinein oft nur noch amüsant. Aus dem Kuriositätenkabinett: „Die Pferdehalter sahen die Velocipedisten als ihre Feinde an, die kein Recht hatten, die Straße zu benutzen, und wenn ein Pferd scheute, was gewöhnlich der Fall war, wurde der Velozipedist mit den unflätigsten Ausdrücken beschimpft. Welch einen Wandel hat die Zeit bewirkt! Für jedes Pferd und Fuhrwerk, das ich letzten Sonntag sah, begegnete ich fünfzig Radfahrern!“ Das schilderte 1896 Radfahrer T. Maxwell Witham unter der Überschrift „Wie ich in den 1860ern den Knochenschüttler meisterte“. Erinnert sei auch an die Autofahrerproteste als in der alten Bundesrepublik, in der jahrelang das Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“ galt, ein Tempolimit eingeführt wurde; als die Geschwindigkeit ab September 1957 innerorts auf 50 und dann 1972 für Landstraßen auf 100 Stundenkilometer begrenzt wurde. Das gleiche Schauspiel wiederholte sich als Fußgängerzonen oder ab den achtziger Jahren Tempo-30-Zonen eingerichtet und Fahrradfahren in Einbahnstraßen-Gegenrichtung erlaubt wurden.
Der Fall – im doppelten Wortsinn – des ADAC erscheint mir symptomatisch: Die Diktatur der Autolobby geht zuende. Es ist an der Zeit, die einseitige Förderung des Autoindividualverkehrs zugunsten anderer Verkehrsteilnehmer aufzugeben. Es ist absurd, dass Autofahrern nicht ebenso lange Wege zum Parkplatz zugemutet werden wie Fußgängern nur nächsten Haltestelle. Professor Knoflacher im „ZEIT“-Interview: „Das Auto macht uns total verrückt”. Der öffentliche Raum ist vom ihn okkupierenden Auto zurückzuerobern. „Fahrwege dürfen von jedermann zum Gehen, Reiten, Rad fahren, Fahren und zum Viehtreiben benutzt werden“, hieß es noch bzw. schon in der Wegeverordnung für die Provinz Westpreußen vom 27. September 1905. Und Stadtbauprofessor Josef Brix warnte 1905 „im Interesse größerer Bequemlichkeit des Publikums“ davor, in Großstädten Gehwege mit weniger als vier Meter Breite anzulegen. Ein Pionier der Rückeroberung des Stadtraums war der Aktionskünstler Michael Hartmann, der – ich zitiere Wikipedia – „Ende der 1980er Jahre das Carwalking erfand, das Gehen über auf Bürgersteigen geparkte Autos, ohne diese zu beschädigen. Durch Streetwalking – Gehen auf der Straße, ohne den Vorrang von Autos anzuerkennen – versuchte er den Straßenverkehr wieder an die Gewohnheiten und Geschwindigkeiten von Fußgängern anzupassen.“ Sein Vor-Gehen dokumentiert der “Kurzfilm „Autoschreck; seine Verurteilung wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung wurde durch Urteil des Bundesgerichtshofs 1995 aufgehoben.
Für den Verkehr der Zukunft stehen wohl eher Modelle wie Shared Spaces oder die 1979 neu entworfene niederländische Stadt Houten bei Utrecht, wo es keine Privilegierung des Autos gegenüber anderen – oft auf derselben Fläche viel zahlreicheren – Verkehrsteilnehmern mehr gibt. Jena ist Städtepartner des Pariser Vororts Aubervilliers. In Paris wurde im Frühjahr eine neue Bürgermeisterin gewählt. Der kam nie in den Sinn, das Seineufer, das ihr Amtsvorgänger autofrei gemacht und mit Leihfahrrädern ausgestattet hat, wieder der Autofahrerlobby auszuliefern. Und die Pariser Wähler goutierten – jedenfalls an dieser Stelle – die Vertreibung der fälschlich als „Fahrzeuge“ bezeichneten STEHzeuge, die den größten Teil des Tages auf Parkflächen und in Staus rumstehen, wertvollen Stadtraum raubend.
Die Autofahrer (das bin ich ebenso wie Radfahrer oder Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel) könnte ein Blick nach Graz beruhigen, wo es „Dauergrün für Fußgänger“ und Induktionsschleifen für sich annähernde Autos gibt. Verblüffendes Ergebnis: durch die neue Schaltung wurde in der Morgenspitze ein um 10 Prozent kürzerer, nachmittags sogar 35 Prozent kürzerer Rückstau gemessen. Und in großen Wien – felix Austria – kann man für 1 Euro pro Tag ohne Auto mobil sein: Jahresticket für 365 Euro! Eine Initiative der Grünen, die sich Kommunalpolitiker des kleineren Jena mal anschauen sollten.

Autor: Günter Platzdasch

6 Kommentare

  1. Günter Platzdasch - 14. Oktober 2014

    In Seoul wird eine Stadtautobahn abgerissen – und man kommt flotter voran:
    http://www.alle-macht-den-raedern.de/2014/02/stau-reisst-die-autobahn-ab/

  2. Günter Platzdasch - 14. Oktober 2014

    Warum sich nur noch über die Automobilmachung den Kopf zerbrechen, ewiggestrige Autonarren!? Jeremy Rifkin, der auch unsere Kanzlerin berät: In der nächsten Generation 80% weniger Autos – und der Redt sus’m 3D-Drucker.
    http://lm.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Ftinyurl.com%2Fk2cbs98&h=5AQGb-ejF&enc=AZMTa5FxGVFNgti9y8jy7VyTjXVEY42-EHCcWCLEItl1t_v-dwiJDLya9iZHeKAG7Yg&s=1

  3. Günter Platzdasch - 14. Oktober 2014

    Warum sich nur noch über die Automobilmachung den Kopf zerbrechen, ewiggestrige Autonarren!? Jeremy Rifkin, der auch unsere Kanzlerin berät: In der nächsten Generation 80% weniger Autos – und der Rest aus’m 3D-Drucker.
    http://lm.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Ftinyurl.com%2Fk2cbs98&h=5AQGb-ejF&enc=AZMTa5FxGVFNgti9y8jy7VyTjXVEY42-EHCcWCLEItl1t_v-dwiJDLya9iZHeKAG7Yg&s=1

  4. Günter Platzdasch - 8. März 2015

    Den Ewiggestrigen Autogerechte-Stadt-Apologen sei zum Nachhören empfohlen, wie eine wirklich zukunftsorientierte Stadtverkehrsdiskussion sich anhört: Warum die Stadt den Fußgänger entdeckt
    Warum die Stadt den Fußgänger entdeckt. Geht da noch mehr? Es diskutieren: Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba – Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität Berlin, Prof. Dr. Bernhard Meyer – Sozialwissenschaftler, Evangelische Hochschule Darmstadt, Prof. Dr. Heiner Monheim – Verkehrswissenschaftler, Universität Trier http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/warum-die-stadt-den-fussgaenger-entdeckt-warum-die-stadt-den-fussgaenger-entdeckt/-/id=660214/did=15172606/nid=660214/1basz0c/index.html

  5. Günter Platzdasch - 19. März 2015

    Offiziell macht die CDU sich ja bundesweit Gedanken, warum sie ihren Status als „Großstadtpartei“ verliert (siehe zuletzt: katastrophales Wahlergebnis in Hamburg, wo die Wahlgewinner sogar auch autofreie Stadtquartiere planen). Die kleinen Repräsentanten im Orteilrat Winzerla machten unlängst vor, woran das liegt: Sich populistisch in aktuellem Ampelplanungskonflikt als Autofahrerpartei zu profilieren, bringt vielleicht momentan mal strohfeuerartig einen Popularitätsgewinn bei den Verkehrspolitisch-Ewiggestrigen bzw. Autovirusinfizierten, aber von zukunftsorientierter Großstadtplanung hat man sich damit abgemeldet. Wie diese aussehen könnte, illustriert hingegen ein renommierte Stadtplaner im Interview: http://www.brandeins.de/archiv/2014/genuss/jan-gehl-im-interview-die-menschen-in-bewegung-setzen/

  6. Günter Platzdasch - 17. April 2015

    Sitzung 16.04.2015 Stadtentwicklungsausschuss, von 17:00-22:40 Uhr:
    Tagesordnungspunkt 10
    Fließender Verkehr in Winzerla – Aufhebung des Ampel-Beschlusses
    Beschluss: mehrheitlich abgelehnt

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