Jalil Basmaz im Erzählcafé: Von Qamischli nach Jena

Jalil Basmaz im Erzählcafé: Von Qamischli nach Jena

Jena Winzerla. Zum 4. Erzählcafé hatten wir Jalil Basmaz zu Gast, der im Juli 2010 aus Syrien zum Studium nach Deutschland gekommen ist. Als Studienort wählt er Jena neben Marburg, Gießen und Ulm. Zum Erlernen der deutschen Sprache lebt er unter anderem ein Jahr in Berlin Marzahn. 2011 beginnt er dann sein Studium der Humanmedizin an der Friedrich-Schiller Universität Jena. Die ersten zwei Semester sind für ihn sprachlich „schwierig“. Als er dies sagt, lacht er und schaut in die erste Reihe des Zuhörerkreises, wo sein ehemaliger Hochschullehrer für Anatomie aus dem ersten Semester sitzt. Das Medizinstudium bricht er nach fünf Jahren ab und wird im Herbst Betriebswirtschaft studieren. Medizin wollte er nie studieren, vielmehr war es der Wunsch der Mutter.
Bevor er sein Studium in Jena beginnt, reist er noch einmal für einen Monat nach Qamischli, seiner von Kurden regierten Heimatstadt, um die Eltern zu besuchen. In dieser Zeit erlebt er auch den arabischen Frühling in Syrien, in Homs, wo Demonstrationen für mehr Demokratie und Freiheit stattfinden. Bewusst betont er am Ende des Satzes „am Anfang“. In den drei Tagen in Homs ändert sich schnell die Stimmung und er erlebt eine Radikalisierung der Bevölkerung. Radikale Muslime hetzten gegen verschiedene Minderheiten wie Alawieten, Schiiten, Juden und Christen. Bis zu diesem Zeitpunkt spielte es für Jalil, der aus einem christlichen Elternhaus kommt, keine Rolle, wer welcher Religion angehört. Es war bis dato kein Thema.
Nach einem Jahr Studium ändert sich für Jalil der Alltag. Die Verbindung zu den Eltern reißt durch den Krieg ab. Er erhält nur alle sechs Monate Nachricht von zu Hause. Ansonsten informiert er sich über Facebook, wie die Lage vor Ort ist. Ab nun muss er seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten und jobbt neben dem Studium als Kellner, Postangestellter und Dolmetscher. Als Übersetzer arbeitet er für Landespolizei und für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Leipzig, wo er detektivisch prüft, ob die Asylsuchenden wirklich aus Syrien kommen. „Viele kamen aus Tunesien, Palästina, Ägypten oder Afrika, es gab afrikanische Leute, die sagten, sie kommen aus Allepo, das war sehr witzig.“ Jalil prüfte anhand der Akzente, ob die Asylsuchenden aus Syrien kommen und stellt Fragen, unter anderem eine, die „jeder“ aus Syrien zu beantworten weiß, was Assad von Beruf ist. Am Rande, der ist Augenarzt und Ärzte gehören in Syrien zur privilegierten Schicht.
Jalil macht sich große Sorgen um die Familie, insbesondere um seinen kleinsten Bruder, der 18 Jahre alt ist. Er fragt sich, ob er vom kurdischen Militär rekrutiert wurde und gegen den IS kämpft. Nachrichten von zu Hause, dass zum Beispiel seine Eltern manchmal bis zu 15 Tagen auf Wasser warten müssen, lassen ihn zweifeln, was wohl das „Richtige“ ist: Hier bleiben oder zurück nach Syrien zu fahren. Jalil entscheidet sich schließlich in Deutschland zu bleiben.
Nachdem der jüngste Sohn legal über ein Visum zum Studium nach Deutschland reist, tritt der Vater die Flucht über die Türkei und Serbien nach Österreich an. Jalils Bruder Jan holt ihn dann in Wien mit dem Zug ab. Bei der Mutter gestaltet sich die Flucht nicht so reibungslos. Sie wird auf der Flucht zweimal zurück geschickt und Österreich schien unüberwindbar zu werden, bis schließlich eine Italienerin die Mutter mit dem Auto über die österreichische Grenze bringt.
In der offenen Runde wurden noch viele Rückfragen gestellt, über das System Assad diskutiert und über die Hintergründe des Krieges. Es war ein kurzweiliger und wie immer interessanter Abend.

über den Autor

Ich arbeite im Stadtteilbüro und schreibe Beiträge für und über Winzerla.

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