Flurzüge zeigten die Grenzen auf

Flurzüge zeigten die Grenzen auf

Jena Winzerla. Immer wieder stoße ich auf eine große Unkenntnis, wie groß eigentlich Winzerla ist? Lassen Sie uns gemeinsam einen virtuellen Flurzug unternehmen.
Zuerst müssen wir aber klären, was das ist. Warum wurden sie unternommen? Flurzüge sind ein sehr alter Brauch. Im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gab es dafür sogar entsprechende Erlasse. Danach musste alle vier Jahre ein Flurzug stattfinden. Teilnehmer waren die jeweilige Obrigkeit (bei Bedarf auch Vertreter der herzoglichen Verwaltung), die Geistlichkeit, Beamte, die Flurgeschworenen, Männer und Frauen des Ortes und – ganz wichtig – die jungen Männer/Schulbuben. Hinzu kamen diverse Wagen mit Bier und Proviant. Neben dem Festcharakter muss es ein enormer Vorbereitungsaufwand gewesen sein (alles ohne Handy oder Fax).
Sinn der Flurzüge war, dass jeder wusste, wo die Grenzen der Gemarkung sind, damit er sie auch bei Bedarf verteidigen konnte. Ursprünglich waren dies markante Punkte (sogenannte Markzeichen) im Gelände, wie Findlinge, charakteristische Bäume, Quellen usw. Im Mittelalter begann dann die Markierung mittels Steinen. Für die Größe, Form und Beschriftung gab es auch damals schon Vorschriften. So mussten diese bei Landesgrenzen rundköpfig und drei Schuh groß sein und die Wappen sowie die Anfangsbuchstaben des Landes und die Jahreszahl tragen. Für unser Gebiet waren das der sächsische Rautenkranz und die Buchstaben „H Z S W“ für Herzogtum Sachsen-Weimar. Die Steine für die Gemeindegrenzen waren nur zwei Schuh hoch und trugen dem Ort zugewandt den Anfangsbuchstaben des Ortsnamens, teilweise auch Zahlen für die Fundbücher. Auf der nur leicht gewölbten Oberkante waren Linien eingeschlagen, die den Verlauf der Grenze anzeigten. Die Steine für die Viehtrift waren mit „VT“ und „VW“ für Viehweide gekennzeichnet. Innerhalb der Gemarkung zwischen den einzelnen Grundstücken waren die Steine nur ein Schuh hoch und ohne Bezeichnung, meistens aber mit Zahlen.
Möglicherweise fragt sich der eine oder andere Leser wieso Landesgrenze? Nicht weit von Winzerla entfernt gab es ein „Ausland“, nämlich Lichtenhain. Dies war bis 1913 Herzogtum Sachsen-Meiningen, zur Erinnerung wir waren Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. An diesen Grenzen (der Gemarkung) standen auch die Vertreter der Nachbargemeinden bereit, damit beide, manchmal waren es auch drei Gemeinden, protokollarisch die Richtigkeit der Abmarkung bestätigen konnten. Gab es Unstimmigkeiten, wurde der Stein ausgegraben und nach der Unterlage, je nachdem Eierschalen, markante Steine, Schlacken usw., gesucht. Diese Unterlagen mussten die Flurgeschworen kennen.
War Einigkeit über den rechten Ort des Grenzsteines erzielt worden, wurde ein junger Mann über den Stein gelegt, dann bekam er einen Gertenhieb auf sein Hinterteil, damit er sich den Ort merken sollte. Im Anschluss musste natürlich ein Bier getrunken werden und man zog zum nächsten Stein.
So ein Flurzug konnte je nach Größe der Gemarkung lange dauern. Es wurden dabei nicht nur die Grenzen zur Nachbargemeinde abgeschritten sondern auch im Gemeindebereich liegende Trift-und Viehsteine überprüft. Ich werde mich bemühen, so zu schreiben, dass der eine oder andere geneigte Leser in der Realität diese Strecke problemlos nachwandern kann.

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