Das Baugeschehen nach 1945

Das Baugeschehen nach 1945

Jena Winzerla. Logischerweise wurden zuerst, so gut es ging, die Kriegsschäden beseitigt. Der Bombenangriff vom 19. März 1945 forderte Opfer im Dorf. Der Hof der Familie Erbs, über dem Dorf und heute zwischen dem Block Hanns-Eisler Straße und dem Dorfrand, wurde vollständig zerstört. Ebenso das Wohnhaus der Familie Martin, Trießnitzweg 5. Einen Volltreffer erhielt auch das Mehrfamilienhaus, das sich an der Stelle der Straße befand, die jetzt von der Winzergasse zum Hotel „Best Western“ führt, und der Saal der „Weintraube“. In Summe waren das 19 Bombenopfer in Winzerla . Wiederaufgebaut wurde nur der Trießnitzweg 5. Es gab zahlreiche Bombentreffer in der Flur. Die betrafen die landwirtschaftlichen Betriebe ganz unterschiedlich. Am schlimmsten hatte es Schorchts erwischt. Erst in den 60er Jahren wurde der letzte Blindgänger über der Trießnitz entschärft. Er lag bis dahin unerkannt unter einem Steinhaufen.
1968 war der nächste größere Einschnitt. Walter Ulbricht besuchte Jena, offiziell den VEB Carl Zeiss Jena. Tatsächlich, um die Baupläne der Stadt zu begraben. Es gab ein Projekt „Jena baut“, mit u. a. Einschienenbahn, großem Hallenbad im Zentrum und einem Motel, ungefähr dort, wo heute „Hornbach“ ist. Das überstieg die wirtschaftlichen Möglichkeiten der DDR. Berlin als Hauptstadt hatte Vorfahrt. In solchen Fällen des Zurückruderns war ein Rundumschlag auf die örtlichen Honoratioren angesagt, die einfach nur unfähig seien. Die bereits von den Genossen genehmigten Fünfgeschosser in Lobeda waren plötzlich „Kasernen“, die der Arbeiterklasse so nicht zu zumuten seien (in Winzerla aber schon!). Damals, im real existierenden Sozialismus, war Planwirtschaft angesagt. Die Blöcke waren bestellt, die Plattenwerke hatten ihre Pläne. Zum Glück war eine ungarische Architektengruppe in Jena, die eigentlich das Stadtzentrum neu planen sollte. Das fiel nun dem Verdikt Ulbrichts zum Opfer. Die Einschienenbahn mutierte so zum Busverkehr. Es musste quasi über Nacht ein Bauplatz für die Fünfgeschosser her. Es wurde Winzerla, von der Bodenqualität aus gesehen eine Dummheit ohnegleichen.
Glück hatten dadurch auch die späteren Bewohner des alten Neubaugebietes von Winzerla. Die Anordnung der Blöcke entspricht ungarischen Normen, so z.B. die Entfernung der Blöcke zueinander, die Straßenführung. Die ehemalige Konsumkaufhalle, Oßmaritzer Straße, war eine original ungarische ABC-Kaufhalle.
Das Baugebiet Winzerla musste vorgezogen werden, mit Riesenproblemen in der Versorgung und Entsorgung (Notmaßnahme „Emscher Brunnen“ als Abwasserkläranlage). Es gab keinen Vorlauf im Tiefbau. Eine Begründung für das chaotische Baugeschehen war schnell gefunden, der DDR-typische Wohnraummangel. Angeblich sollte den Energiekombinatsmitarbeitern geholfen werden, ihre Wohnraumsituation zu verbessern. Im Prinzip hätten die auch nach Lobeda fahren können, nur durften da keine Fünfgeschosser mehr gebaut werden. Die Elfgeschosser konnten aber erst nach dem Ausstoß der 5er-Serie die Plattenwerke verlassen. Das Dilemma wurde propagandistisch gelöst, siehe oben. Das Baugeschehen verlagerte sich, nach dem Auslaufen der Fertigung der 5er-Serie, dann wieder nach Lobeda.
Fortsetzung folgt… (Autor: Dietmar Schütze über die Historie von Winzerla)

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