Das Projekt

Jena-Winzerla. Ob Studenten, Arbeitslose, Arbeitnehmer, Familien – die Gruppe der Gemeinschaftsgärtner ist bunt gemischt.

Ein Team im Alter von Mitte Zwanzig bis Ende Fünfzig. Und alle haben ein Ziel – das gemeinsame Bewirtschaften des Gartens, der sich über eine Fläche von circa 1600 Quadratmetern erstreckt. Schließlich wollen wir neben dem Gärtnern einen Ort der Kommunikation, Bildung und Kultur schaffen, in dem sich Jung und Alt begegnen können.

Nachfolgend wollen wir die einzelnen Schritte rekapitulieren. Einerseits zeigt es die Genese des Prozesses, andererseits können wir so vielleicht einige Ideen und Anregungen vermitteln.


Findungsphase


Der Stadtteilgarten Winzerla ist ein initiiertes Projekt, das in Kooperation zwischen der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena und dem Stadtteilbüro Winzerla entstanden ist. Vier Studentinnen aus dem Fachbereich Soziale Arbeit begleiteten in Zusammenarbeit mit dem Stadtteilbüro Winzerla den Entstehungsprozess.

Von Anfang an sollen hier die Bürger am Projekt beteiligt werden. Immerhin sind es diejenigen, die letztendlich den Garten nutzen werden. Deshalb soll hier nicht FÜR die Bürger, sondern MIT ihnen geplant werden.

Stadtteilgartentreffen am 27.03.2012

Stadtteilgartentreffen am 27.03.2012

Beteiligung bringt hierbei viele Vorteile mit. So können die Bewohner ihr Umfeld aktiv mit- und umgestalten, was zu einer stärkeren Identifikation mit dem Wohnort führt. Außerdem wird eine Imageaufwertung für den Stadtteil Winzerla erreicht. Ein weiterer Vorteil ist die Fehlervermeidung. Die Bürger, die sich an dem Projekt beteiligen, bringen Wissen mit. Durch die unterschiedlichen Erfahrungen und multiperspektivische Sichtweise können Planungsfehler schon zu Beginn vermieden werden. Weiterhin führt Beteiligung zu einer gegenseitigen Wissensvermittlung. Einerseits wird den Bürgern Verwaltungshandeln verdeutlicht, anderseits partizipiert „Stadtverwaltung“ vom Wissen der Bürger. Voraussetzung ist hier ein transparenter Prozessverlauf. Damit Beteiligung stattfinden kann, ist zunächst die Aktivierung von Bedeutung. Aktivierung meint, „alle Techniken, mit denen einzelne Personen oder Personengruppen im Quartier angesprochen und in Kommunikation (miteinander) gebracht werden können“, so Thomas Franke. Der Ansatz der Aktivierung und Beteiligung spiegelt sich im folgenden Verlauf wider.


Planungsphase


Im August 2011 traf sich das Studententeam mit Andreas Mehlich zu einem Stadtteilrundgang in Winzerla. Neben dem Kennenlernen des Stadtteils lag der Fokus auf der Suche nach möglichen Flächen für den Garten. Zum nächsten Treffen gab es dann eine interne Diskussion zu den potenziellen Flächen. Außerdem wurden erste Ideen und die Projektziele auf Papier festgehalten.

Nach der internen Klärung erfolgte die Bekanntmachung des Projektes. Es wurden dabei Medien wie die Stadtteilzeitung Winzerla und die Internetplattform Jenapolis genutzt. Weiterhin gab es einen dreitägigen Informationsstand vor dem REWE-Markt.

Neben der Öffentlichkeitsarbeit führten die Studentinnen zusätzlich Gespräche mit den Akteuren der Kinder- und Jugendarbeit durch, wie dem Jugendzentrum Hugo und dem Freizeitladen Winzerla. Gemeinsam wurde besprochen, ob und in welcher Form sich die Einrichtungen am Projekt beteiligen werden.

Das erste gemeinsame Treffen fand im Oktober 2011 im Stadtteilbüro Winzerla statt. Zu dieser Veranstaltung kamen einige Bürger, die sich für die Gartenidee interessierten. Die Anwesenden konnten zum Treffen ihre Vorstellungen und Wünsche äußern. Weiterhin stellte das Team die potenziellen Flächen vor, die gemeinsam diskutiert wurden. Schnell war klar, dass eine Fläche zwischen zwei Wohnblocks für die Bürger nicht in Frage kam.

Zum nächsten gemeinsamen Treffen im November 2011 unternahmen die Stadtteilgärtner eine Vor-Ort-Besichtigung der möglichen Flächen. Das Abwägen der Vor- und Nachteile führte letztendlich zu zwei Favoritenflächen. Zum einen eine dicht bewachsene und verwilderte Fläche oberhalb von Winzerla, die durch ihre Natürlichkeit überzeugte, zum anderen eine zentrale Fläche beim ehemaligen Jugendklub Hugo, die gut erreichbar ist.

Im nächsten Schritt musste nun die Nutzungsmöglichkeit mit den Eigentümern der Flächen abgeklärt werden. Durch diesen Klärungsprozess stagnierte die weitere Planung. Da die Flächen der Stadt gehören, durchläuft die Prüfung auf Nutzungsmöglichkeit mehrere Abteilungen innerhalb der Stadtverwaltung. Die Bewilligung erfolgte dann im Januar 2012.

Nun konnte konkret geplant werden. Da im Laufe des Planungsprozesses neue Teilnehmer hinzukamen, wurden zunächst die beiden Favoritenflächen erneut diskutiert und es folgte eine Abstimmung zu den beiden Flächen. Es wurde für das Areal beim ehemaligen Hugo als zukünftige Gartenfläche votiert.

Bei der nun folgenden Planung zeichnete erst einmal jeder seine eigenen Vorstellungen zum Stadtteilgarten in den Grundriss ein. Anschließend wurden die Ideen gebündelt und es folgte ein gemeinsamer Entwurf.

Arbeiten am Entwurf für den Stadtteilgarten, 23.01.12

Arbeiten am Entwurf für den Stadtteilgarten, 23.01.12

Dieser wurde bei einem späteren Treffen auf der Gartenfläche überprüft. Das heißt, kann das auf Papier geplante Konzept tatsächlich umgesetzt werden. Letztendlich wurden nur kleine Änderungen vorgenommen.

In einem nächsten Schritt besprachen die Stadtteilgärtner die Gartenregeln. Da der Stadtteilgarten aus einem Kulturbereich und einem Gartenbereich bestehen wird, wurden auch analog die Diskussionsgruppen gebildet. In beiden Gruppen wurden darüber hinaus allgemeine Regeln aufgestellt, so zum Beispiel, dass es einen Ansprechpartner geben muss, Alkoholgenuss erst ab 16 Uhr gestattet ist und Hunde nur angeleint auf die Fläche dürfen. Neben den Gartenregeln war auch die Rechtsform ein wichtiger Punkt. So wird die Garteninitiative an einen gemeinnützigen Verein, hier „Hilfe vor Ort e.V.“ angedockt. Dieser Verein unterstützt partizipative Projekte und Initiativen. Die Rechtsform ist notwendig, um Spendengelder zu akquirieren, Verträge mit der Stadtverwaltung oder Eigenbetrieben der Stadt abzuschließen.


Umsetzungsphase


Das erste Gartenjahr (2013) liegt hinter uns und war ein voller Erfolg. Mittlerweile hat sich eine kleine Gärtnergruppe aus Bewohnern des Stadtteils Winzerla gebildet, die sich emsig um die Bestellung der Hochbeete und Ackerflächen kümmerte. Der Stadtteilgarten ist ein für die Öffentlichkeit zugänglicher Gemeinschaftsgarten, in dem nicht nur gegärtnert wird, sondern sich auch kulturell betätigt werden kann. Es ist ein Ort der Begegnung.

Die Gesamtfläche umfasst 1600 qm, die sich in einen Gartenbereich (Hochbeete, Ackerflächen, Geräteschuppen, Kompost) und einen Kulturbereich (Wohnwagen, Lehmbackofen) unterteilt. Ab September 2013 begleitet auch eine Studentengruppe der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena das Projekt für ein Jahr und koordiniert vor allem die Kulturarbeit im Garten (z. B. Kontaktaufnahme zu Bildungseinrichtungen und Angebote mit diesen abstimmen).

Jena Winzerla. Arbeitseinsatz_20.08.13

Im Oktober 2013 befragte die Studentengruppe drei Tage lang Passanten zum Thema Stadtteilgarten. Die Studenten interessierte der aktuelle Bekanntheitsgrad, welchen Eindruck er auf die Winzerlaer macht, welche Wünsche bezüglich seiner Gestaltung und Nutzbarmachung in den Köpfen der Bewohner existieren und ob diese sich vorstellen können, selbst aktiv bei seiner Entwicklung dabei zu sein. Am Ende konnten Informationen aus 75 Fragebögen geschöpft werden. Es wurden Menschen jeden Alters, Männer und Frauen gleichermaßen, Garten- und Nicht-Gartenbesitzer wie sich herausstellte, befragt.

Ein Großteil von ihnen hatte bereits vom Stadtteilgarten und den Vorhaben gehört. Informationen dazu erhielten sie sowohl aus der Stadtteilzeitung als auch von unserer Internetseite (www.winzerla.com). Oder es handelte sich um Leute, deren Weg sie täglich daran vorbeiführt, Hundebesitzer, Straßenbahnnutzer, Spaziergänger, Eltern und deren Kinder. Der Eindruck war stets positiv. Lediglich einige Bedenken zur Nutzung wurden angegeben. Da der Garten öffentlich ist, tags und nachts zugänglich für Jedermann, fragt man sich, wie das denn mit dem Ernten funktionieren würde. Unsere Erfahrungen dazu sind durchweg positiv. Bisher blieben die Früchte so lange an ihrem Platz, bis sie von einem der Gärtner für reif erklärt wurden. Raubbau mussten wir bisher nicht beklagen.
Da wir es innerhalb der ersten Saison leider nicht geschafft hatten, einen Aushang zu installieren, haben wir nicht internetaffine Leute ausgeschlossen. Das war ein wichtiger Punkt, auf den wir hingewiesen wurden und den wir nun endlich behoben haben. Es gibt jetzt einen provisorischen Aushang. Hier erfährt man aktuelle Informationen zum Garten und zu Veranstaltungen. Im Gegenzug können auch von anderen dort wichtige Dinge mitgeteilt werden.

Neben diesen beiden Dingen konnten wir feststellen, dass es ein großes Bedürfnis nach Erholung und Entspannung unter den Leuten gibt. Es gab diesbezüglich Ideen zu einer Sitzecke, einer Feuerstelle, Wiese und Blumen – im Rahmen einer harmonischen Gesamtgestaltung. Junge Familien möchten vor allem Spielmöglichkeiten für ihre Kinder. Wir könnten Versuchsbeete für die Kleinen anlegen, auf denen sie ihre ersten eigenen Experimente veranstalten, nach dem Motto: „Was wächst denn da?“ Geholfen werden kann bei der Fertigstellung der Kräuterspirale und beim Bau von Insektenhotels.

Dem Bildungscharakter würde auch in Form von umweltpädagogischen Konzepten für Kindergärten oder Schulen entsprochen werden. Wir suchen dafür Menschen, die vielleicht eine Arbeitsgemeinschaft gründen wollen und stellen gerne einen Teil der Fläche zur Verfügung. Auch sind wir aktuell in Gesprächen mit den Institutionen vor Ort und möchten dabei eine Kooperation mit uns anregen. Gefragt sind weiterhin Veranstaltungen und Feste, Auftritte von Bands (unplugged natürlich) und Theateraufführungen. Es gab Vorschläge, Tauschbörsen für Samen und Jungpflanzen zu veranstalten, Kuchenbasare, Mehrgenerationentreffs und einen Marktstand vor REWE zu installieren, an dem Produkte aus dem Garten verkauft werden.

Wer Interesse hat mitzumachen, der kann entweder jeden zweiten Samstag im Monat um 10 Uhr zur „Offenen Sprechzeit“ in den Stadtteilgarten (Treffpunkt Wohnwagen) kommen oder Sie melden sich im Stadtteilbüro Jena Winzerla.


Umwelt und Naturschutzaspekte


Nachdem es den Stadtteilgarten mittlerweile sieben Jahre gibt und die sechste Gartensaison hinter uns liegt, haben sich auch einige Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes verstetigt. So sind wir bemüht, biologische Vielfalt in dem kleinen, uns möglichen Rahmen zu erhalten. Dazu gehört unter anderem, dass die Gärtnerinnen und Gärtner Saatgut von z.B. Tomaten, Radieschen oder Bohnen selber gewinnen und die Menschen dieses dann untereinander tauschen. Auch über die jährliche Pflanzentauschbörse versuchen wir diesen Tausch in einen etwas größeren Rahmen mit z.B. Kleingärtnerinnen und Kleingärtner zu setzen. Was die biologische Vielfalt und deren Erhalt für die Fauna anbelangt, so haben wir über die Jahre verschiedene Kleinstmaßnahmen umgesetzt. Dazu gehört z.B. das Aufhängen von Nistkästen, im Sommer Tränken für Insekten Vögel aufzustellen oder aber auch kleine Wiesenflächen ausblühen zu lassen und dort bewusst keinen Rasen zu mähen. Wir sehen diese Maßnahmen im Rahmen der gesamten Stadt Jena als kleine, konkrete Beiträge zum Umweltschutz.


Mehr Informationen über den Stadtteilgarten


Über den Projektverlauf bis August 2012: Dokumentation Praxisprojekt

Alle Beiträge und Neuigkeiten über den Stadtteilgarten in Winzerla: Stadtteilgarten in Jena Winzerla


Kontakt


Ansprechpartner: Markus Meß
Tel. 03641 354570 (Stadtteilbüro Winzerla)
E-Mail schreiben: info@winzerla.com